
Der Tag, an dem sich unser Leben änderte
Es war der 08. November 1995. Die erste Nacht, in der es richtig Frost
gegeben hatte.
meine Mutter rief mich an und bat mich, doch zu ihr zu kommen, sie hätte etwas
schönes, kleines, schwarz-weißes.
Neugierig wie ich war, bin ich zu ihr gefahren.
Bei ihr im Wohnzimmer saß ein völlig verängstigtes kleines Wollknäuel.
Sofort hatte ich es in mein Herz geschlossen. Aber es ließ sich nicht anfassen.
Diese kleine Etwas war ein kleiner Hund. Keine Ahnung, welche Rasse.
Mein Sohn, Tierpfleger bei Hagenbeck, hatte dieses Bündel in einem freien Gehege
im Tierpark gefunden. Man hatte dieses hilflose Wesen einfach über den Zaun
geworfen.
Also überredete ich meine Mutter, mir den kleinen Kerl mitzugeben.
Zu Hause angekommen, stellten wir fest, das man ihn geschlagen hatte. Überall am
Körper waren Blutergüsse. Er saß voller Flöhe. Das Fell war stumpf und struppig.
Also erst einmal in die Badewanne. Aber wie? Er ließ sich ja nicht anfassen. Mit
List und Tücke haben wir es dann geschafft. Dabei stellten wir fest, daß er oben
und unten eine doppelte Zahnreihe hatte.
Wir sind dann zum Tierarzt gefahren und haben ihn untersuchen lassen. Der
Tierarzt stellte fest, daß es sich um einen reinrassigen Chihuahua handelte. Er
wurde nun erst einmal geimpft. Das Alter wurde auf 6 - 8 Monate geschätzt.
Gesundheitlich hatte der kleine Kerl es erstaunlich gut überstanden. Nur
seelisch war er völlig verstört.
Da er sich nicht anfassen ließ, haben wir ihn mit Leine in der Wohnung laufen
lassen.
Alle unsere Bemühungen brachten nichts, er faßte zu uns einfach kein Vertrauen.
Nach ca 4 Wochen haben wir dann seine Zähnchen ziehen lassen. Ich hielt ihn auf
dem Arm, als er aus der Narkose erwachte.Von da an hatte er zu mir Vertrauen,
nur zu meinem Mann nicht. Sobald mein Mann sich bewegte, einen Besen oder ein
Wischtuch in die Hand nahm, bellte der kleine Kerl ihn ganz fürchterlich an und
versteckte sich.
Ich rief dann bei Frau Kähler an, um mich über diese Rasse richtig zu
informieren. Ich bekam wertvolle Tips und jede Hilfe, die ich brauchte.
Nach ca. einem dreiviertel Jahr hatte es dann auch mein Mann geschafft, das
Gismo, so hatten wir ihn getauft, auch zu ihm kam und sich streicheln ließ. Aber
immer noch mit sehr viel Zurückhaltung. Unser ganzer Tagesablauf wurde auf
diesen kleinen Kerl abgestimmt. Alles richtete sich nur nach diesem Hund.
Wir entschlossen uns, einen Welpen zu kaufen, damit Gismo merkt, hier passiert
ihm wirklich nichts, hier habe ich es gut.
Also holten wir Wicko, einen kleinen weißen Rüden. Diesen hat Gismo bemuttert
und beschützt. Keiner durfte ihm auch nur ein Haar krümmen. Er wurde viel
freier.
Das Ganze ist nun schon so lange her, aber ein Rest Mißtrauen ist immer noch
vorhanden.
Es wird uns immer unverständlich bleiben, wie man ein so kleines, hilfloses
Wesen so behandeln kann.
Dagmar Weinrich / 28. Juli 2001